Mittwoch, 16. Juni 2021

Warum Indie-Rollenspiele spielen?

Obwohl die rollenspieltheoretischen Vorgärten der big dick game designer längst ausgetrocknet sind – haben sie je zu etwas anderem gedient als zu: Meine Spiele sind gut und eure scheiße? – wird allenthalben noch so getan als böten Indies keinen echten Mehrwert jenseits dieses verkopften Besserspielertums. Ich finde die Frage ob hier nun die Regeln besser zum Inhalt passen als anderswo (Stichwort: Ludonarrative Dissonanz) ja unspannend und was gute Geschichten sind interessiert mich auch nicht. Das liegt vielleicht mit daran, wie ich zum Indie-Rollenspiel gekommen bin. Bis 2012 kannte ich genau zwei publizierte Rollenspiele, DSA und Shadowrun. Indies habe ich kennengelernt, als ich anfing über den Tellerrand zu schauen, d.h. gleichzeitig mit Cthulhu, Traveller, Pathfinder, Fate – PbtA war zu dem Zeitpunkt noch gar nicht präsent. Los ging es mit den ersten großen Indie-Hits Fiasco und Microscope.

Warum die damals sofort Spaß gemacht haben? Traditionelles Rollenspiel hat eben immer einen Elefanten im Raum. Die Spielleitung, den Plot, die Abenteuergruppe. Pick your poison. Die spontane Fiasco-Runde auf der Brain and Dice war dagegen ganz unzeremoniell. Die Ausgangslage wird zufällig generiert und dann spiele ich einfach meine Figur. Die driftet hin und her zwischen den Figuren der Mitspielenden, üblicherweise übernehme ich aber Nebenrollen, wenn gerade jemand anders dran ist. Trotz des formelhaften Setups sind die Figuren hier tatsächlich loser verbunden – mit mehr Freiheit, eine eigene Richtung einzuschlagen – als im klassischen Rollenspiel. Diese Vereinzelung bis hin zu flüchtigen Figuren wie in Microscope trägt zu dem besonderen Realismus vieler Indie-Rollenspiele bei. Du spielst eben normale Leute, manchmal in außergewöhnlichen Situationen. Die Frauen in Kagematsu sind keine "super sexy rocket scientists or superheroes, [...] just normal women looking to get by." Es geht auch nicht darum, eine Show abzuliefern (außer die Figuren inszenieren eine wie in My Daughter, the Queen of France) oder irgendwelche story beats zu realisieren. Im Gegenteil stellst du dir vor, die Umstände wären anders "and the whole game wasn’t just a story" wie es Dog Eat Dog treffsicher formuliert. Indie-Rollenspiele richten sich, große Überraschung, an Leute, die Rollen spielen wollen.

Rollenspielschaffende, die ihre Indie-Spiele neuerdings vor allem auf itch.io veröffentlichen, sagen übrigens bestimmt: Spiel mein Spiel. Aber nicht: Spiel das mit meinem Spiel. Was ja analog wäre zu: Spiel das mit 5E, Fate, PbtA, SaWo et cetera. Was soll man auch mit Untitled Ghost Game anderes spielen als einen Geist, der ein Dorf heimsucht. Mit An Altogether Different River anderes als Menschen, die in ihrer Stadt geblieben sind oder nach langer Zeit dorthin zurückkehren. Mit Alienòr anderes als Kammerdienerinnen der berühmten Königin. Wer sich also abseits ausgetretener Abenteuerpfade begeben will, werfe einen Blick auf die Indies. Es ist bestimmt etwas dabei. Und wer das ja alles in D&D auch erlebt oder selbst besser macht, braucht sie halt nicht. Buhu.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen